OperationRosa
Toleranzgruppe am Gymnasium Eckental

Wie die Zeit vergeht



Noch gestern, noch gestern stand ich hier, wollte lernen die Welt entdecken. Blickte um mich, alle größer, schlauer, weiter. Doch ich, ich wollte auch so sein. Heute steh ich hier, blick zurück als wäre es gestern, staune wie die Zeit vergeht. Damals dachte ich, ich werde älter; jetzt steh ich hier, als wäre es gestern, fühle mich kein bisschen schlauer, weiter, nur größer, ja größer bin ich geworden. Morgen bin ich alt, schau zurück auf mein Leben, auf das Leben, das zu schnell verging. Doch bin ich zufrieden wie ein Vogel, ja wie ein Vogel hob ich ab, wollte hoch, hoch hinaus bis zu den Wolken. Ganz oben sah ich, ich sah nichts, viel zu klein, um es zu erkennen. Da flog ich, blickte zurück, runter auf die Erde – so weit, weit weg war sie. Doch erinnere ich mich genau, genau als wäre es gestern, als ich Anlauf nahm und abhob, frei zu sein. Ich denke oft, wann dieser Moment vergangen ist und ich zurück blicken kann und sehe, dass sich nichts verändert hat. Ich bin immer noch naiv, unsicher und denke zu viel, viel zu viel über diese Welt. Doch was soll´s?

Ich stehe hier mitten im Leben, versuche Anlauf zu nehmen, unsicher, in welche Richtung ich noch fliegen kann. Vielleicht sollte ich einfach warten, warten auf den Wind, der mich dann treibt. Aber wohin, das weiß ich nicht. Warten, du kannst nicht immer warten, handeln, ja handeln, das musst du tun! Ja, aber wie soll ich handeln, wenn ich noch nicht mal weiß, wie Fliegen funktioniert. Tag für Tag werde ich konfrontiert, muss Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, was ich tue. Blind stolpere ich am Boden herum, viel zu ängstlich, um es zu wagen, einfach zu fragen, wie es geht, das ganze Fliegen und das Handeln. Aber das kann mir eh keiner beibringen, sagen oder erklären. Denn es gibt keine Antwort auf das Leben außer 42, aber was sagt mir das? Ich soll einfach fliegen, sagen sie, lächeln mich an, so allwissend und dann seh ich, das, sie es nicht sind. Doch aus Trotz versuch ich´s trotzdem, immer Anlauf wieder neu und sie lachen. Ich, ich hör sie nicht, weil ich die ganze Zeit stolpere, meine Füße wund sind von dem ganzen Laufen, aber ich will nicht aufgeben. Versuche es immer weiter, immer weiter und irgendwann werde ich es schaffen und darüber lachen, weil es doch irgendwie sehr einfach war. Vielleicht werde ich dann fliegen und mich freuen, dass ich es geschafft habe. Oder blind vor Müdigkeit sein, ohne es zu wissen, dass ich es schon kann, das ganze Fliegen und das Handeln.

Wenn ich dann darüber nachdenke, wie es früher war oder wie die Zukunft sich ergibt, ja dann werde ich wieder hilflos und unwissend sein, wie ich nun handeln soll. Dann werde ich mich in den Wind legen, denn ich kann ja jetzt schon Fliegen und mich leiten lassen, was mir das Leben noch so bringt. Nun habe ich weniger Angst, wohin der Wind mich treiben wird. Denn ich weiß schon, dass mir Loopings Spaß machen, auch wenn das Vögel eigentlich nicht können. – Ja, aber Loopings machen mir Spaß, egal wo, über dem Meer, dem Land, Berge, Täler, Flüsse oder Seen. Ich habe meine Lebensart gefunden, ohne sie gesucht zu haben. Aber das ist hier nicht der Clou. Denn ich habe es immer noch nicht begriffen, warum ich lebe, fliege und nicht falle. Auch der Moment ist für mich schwer, schwer zu begreifen. Denn sobald man an ihn denkt, ist er vorbei, und man kann sich nur erinnern. Aber er wird nie wieder kehren. Denn die Welt, die dreht sich weiter und ich frage mich warum, warum sich alles dreht und auch dieser Moment vergeht. Jetzt merke ich, wie ich den Verstand verliere, wenn ich hier so weitermache. Sonst werde ich vor Verzweiflung, vor Verzweiflung stürzen und wieder ganz unten auf dem Boden sein, stolpern und mich fragen, wer ich bin. Aber das macht ja eh kein Sinn, nochmal zu starten. Denn hier unten ist es ja auch ganz schön. Doch dann packt mich schnell das Fernweh und es zu versuchen. Jetzt nehm´ ich wieder Anlauf, Anlauf, um zu starten, um zu suchen, nach der Frage, die mich mein Leben lang begleitet. Doch diesmal ist es schwieriger, meine Füße schmerzen mehr, aber ich, ich schaffe es doch nach einer Weile zurück nach oben in die Luft. Soweit hoch komme ich zwar nicht mehr, knapp über den Bäumen fliege ich jetzt, und ich merke, wie schön und groß die Welt doch ist. Spür den Wind in meinen Federn, sehe Bäume, Straßen, Felder und bin einfach nur so glücklich, auch wenn ich realisiere, wie schnell die Zeit vergeht. Dann fängt es an zu regnen, doch ich lasse mich nicht stören, kämpfe weiter und dann schaff ich´s endlich, die Sonne wieder zu sehen. Ganz wohlig wärmt sie, wie ein Mantel legt sie sich um mich. Doch es wird langsam immer dunkler, immer dunkler und ich weiß, dass es nicht am Wetter liegt. Aber das kann nicht sein, denn ich habe die Frage nach dem Sinn des Lebens immer noch nicht gefunden. Früher wollte ich wissen, wie es geht, das ganze Fliegen und das Handeln – heute existiert die Frage „wie?“ gar nicht mehr im Leben, denn man kann doch alle schaffen. Das weiß ich heute, doch die Frage „warum?“, warum die Welt sich dreht, wir fliegen und das Leben vergeht. Ja, die, die kann ich nicht beantworten. Und wie ich so fliege und mir denke warum das Warum so wichtig ist, merke ich, dass ich es nicht brauche. Dass das nur meine Neugier war, die mich mein Leben lang betrübte und auf mich so Druck verübte.

Und wie mich der Gedanke so begleitet und mein Leben weiter schreitet, merke ich, wie es dunkler wird. Nun fliege ich immer weiter Richtung Sonnenuntergang, ja es wird langsam immer dunkler, immer dunkler, bis ich nichts mehr sehe kann, und leider landen muss. Noch gestern, noch gestern stand ich hier, wollte lernen, die Welt entdecken. Blickte um mich, alle größer, schlauer weiter. Ja heute bin ich alt, schau zurück auf mein Leben, auf das Leben, das sehr schön war. Ja und ich bin zufrieden. Wie ein Vogel, ja wie ein Vogel hob ich ab, wollte hoch, hoch hinaus bis zu den Wolken. Jetzt musste ich landen. Doch erinnere ich mich noch genau an den Moment, in dem ich wusste, dass ich sie nicht brauche, die ganzen Antworten auf meine Fragen. Ja, das, das war hier der Clou, den es in diesem Leben zu verstehen galt. Bis bald. Und bitte nicht beklagen, wenn ihr daran seid, an eurem Leben zu verzagen. Denn ja es wird schon alles gut, habt nur Mut den Schritt zu wagen, einfach zu gehen, in die Zukunft, auch wenn dies euer Leben verändert.

LDÜR